Der Block der Heimatvertriebenen und Entrechteten - Hilfe oder Hemmnis bei der Integration in der neuen Heimat? (13. März 2017)


Rügheim / Würzburg. (keck) In Bayern sind nach dem Zweiten Weltkrieg fast zwei Millionen Flüchtlinge und Vertriebene angekommen, die sich neue Existenzen schaffen mussten. Ein entscheidender Faktor war die Selbsthilfe, die schnell nach Kriegsende aufgebaut wurde. Die Betreuung der Flüchtlinge und Vertriebenen war dem „Block der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE)“ dabei ein Hauptanliegen. Doch leistete der BHE als eigenständige „Flüchtlingspartei“ einen Beitrag zur Integration oder hemmte er diese eher? Dieser Frage nachgegangen ist Dr. Daniel Schönwald, Kirchenarchivoberrat beim Landeskirchlichen Archiv der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, in seinem Vortrag „Integration durch eine Interessenpartei. Der Block der Heimatvertriebenen und Entrechteten in Bayern 1950-1981“ im Rahmen des Symposiums Heimatforschung in Rügheim am vergangenen Samstag (11. März).

Grundlage des Vortrags von Daniel Schönwald bildete seine gleichnamige Dissertation. Im Blickpunkt der Arbeit steht die bayerische und deutsche Nachkriegspolitik. Die Geschichte des BHE und der „Gesamtdeutschen Partei“ (GDP), unter der der BHE seit 1961 firmierte, stellte laut Schönwald bislang ein Desiderat der Parteiengeschichte dar. Die Quellenlage sei eher mittelmäßig. In Bayern gebe es kein Archiv, das zentral Material des BHE verwahrt. In den 1960er und 70er Jahren seien Zeitzeugengespräche mit mehreren früheren BHE-Spitzenfunktionären aus Bayern geführt worden, die Daniel Schönwald für seine Arbeit nutzen konnte. Daneben konnte Schönwald zurückgreifen auf Erinnerungsliteratur, Statistiken, stenografische Berichte des Bayerischen Landtags und Deutschen Bundestags sowie Protokolle des Bundeskabinetts und des bayerischen Ministerrats.

In der Dissertation betrachtet werden Struktur und praktische Politik des BHE im Land und teilweise auf Bundesebene. „Die Rolle des BHE ist im Gesamtzusammenhang mit der Erforschung der Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen speziell in Bayern zu sehen. Dort stammte in den 1950er Jahren mehr als ein Fünftel der Bevölkerung aus den früheren Ostgebieten des Deutschen Reiches bzw. Mittelost- und Südosteuropa. Als Regierungspartei in Bayern von 1950 bis 1962 und im Bund von 1953 bis 1955 gestaltete der BHE die praktische Politik über weite Strecken mit und versuchte, Verbesserungen für seine Klientel durchzusetzen“, erläuterte Daniel Schönwald.

„Wegen der wechselseitigen Zusammenanhänge über Personal und Sachthemen ist die Geschichte des BHE in Bayern mit der der Partei im Bund auf das Engste verbunden.“ Damit leiste die Dissertation auch einen Beitrag zur Erforschung der bundesdeutschen Geschichte, machte Schönwald deutlich. „Insgesamt betrachtet war der BHE weniger Protest- als vielmehr klare Interessenpartei für eine ganz spezielle Bevölkerungsgruppe. Bereits in der Namensgebung wurde die Zielgruppe der Partei deutlich: Der BHE wandte sich vornehmlich an die „Heimatvertriebenen“, aber auch an ehemalige Nationalsozialisten, die durch die Entnazifizierung in ihrem persönlichen und beruflichen Werdegang „entrechtet“ worden waren und in den anderen Parteien keine ansprechende Interessenvertretung sahen.“ Die anfängliche Separierung führte aber nicht zur Radikalisierung der Flüchtlinge und Vertriebenen, sondern vielmehr zu einer positiven Integration zumeist in die bürgerlichen Parteien. „Inhaltlich setzte der BHE in Bayern einzelne modernisierende Akzente, zum Beispiel bei der Landesplanung oder Schulpolitik.“

„Zusammenfassend könnte man den Block der Heimatvertriebenen und Entrechteten als erfolgreichste Partei aller Zeiten bezeichnen“, schloss Daniel Schönwald seinen Vortrag. „Der BHE hat seine Ziele mit Blick auf die Integration weitestgehend erreicht und konnte sich in den frühen 1980er Jahren endgültig auflösen.“
 

Das Symposium Heimatforschung findet jährlich im Tagungs- und Kulturzentrum Schüttbau in Rügheim statt. In Zusammenarbeit mit dem Bezirksheimatpfleger von Oberfranken, Prof. Günter Dippold, dem Colloquium Historicum Wirsbergense und dem Bayerischen Landesverein für Heimatpflege organisiert der Bezirk Unterfranken unter Federführung von Bezirksheimatpfleger Prof. Klaus Reder diese Veranstaltung, auf der sich hochkarätige Experten treffen, um ihre neuesten Forschungsergebnisse zu präsentieren.

 

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