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„Ein Hort der Lehre, der Erziehung und der Pädagogik“ (9. Dezember 2016)

Dr.-Karl-Kroiß-Schule feiert ihr 175. Jubiläum – „Vom Taubstummeninstitut zum Förderzentrum“

 

KarlKroiß175Jahre2016

Fasziniert vom Bühnen-Auftritt der Schülerinnen und Schüler (von rechts): Regierungsvizepräsident Jochen Lange, weiterer Vertreter des Bezirkstagspräsidenten Armin Grein, Bezirkstagspräsident Erwin Dotzel, Direktorin Bärbel Schmid und Prof. Dr. Christian von Deuster. Im Vordergrund Beate Helfer, die mit Hilfe der Gebärdensprache die Kinder auf der Bühne anleitet. Foto: Mauritz

 

Würzburg. (mm) 175 Jahre alt und noch immer von jungen Menschen geprägt. Das war das Bild, das die Dr.-Karl-Kroiß-Schule am vergangenen Freitag (9. Dezember) beim Festakt anlässlich ihres 175. Jubiläums präsentierte. Jungs und Mädels sowie die Kleinsten aus der Schulvorbereitenden Einrichtung hatten wochenlang fleißig geprobt und begeisterten mit ihren Bühnen-Beiträgen die zahlreichen Ehrengäste ebenso wie die ehemaligen Schülerinnen und Schüler oder frühere Lehrkräfte im Auditorium.

175 Jahre seien selbst für europäische Verhältnisse eine lange Zeit, betonte Bezirkstagspräsident Erwin Dotzel in seinem Festvortrag über die Geschichte der Schule, die sich seit 1953 in der Trägerschaft des Bezirks befindet. Als am 8. Dezember 1841 das erste, eigenständige Taubstummen-Institut in Würzburg eingeweiht wurde, aus dem später die nach dem Pädagogen Karl Kroiß benannte Bildungseinrichtung hervorging, habe in Bayern noch König Ludwig I. regiert, machte Dotzel das politische und gesellschaftliche Umfeld der Gründungsphase deutlich. Ihren ersten Standort habe die Vorläufer-Einrichtung der Dr.-Karl-Kroiß-Schule im so genannten „Ebersberger Hof“ in der Nähe von Stift Haug gefunden. Mit finanzieller Unterstützung durch die Regierung von Unterfranken habe die Taubstummenstiftung das Gebäude zur Schule mit angegliedertem Internat umbauen und ausstatten lassen.

Dabei reichten die ersten pädagogischen Methoden, taubstumme Kinder zu unterrichten, bis ins Frankreich des 18. Jahrhunderts zurück, wie Dotzel in seinem historischen Rückblick erläuterte. Auch in Wien habe es zu der Zeit bereits ein „kaiserliches Taubstummeninstitut“ und ab 1817 in Freising das erste „königlich-bayerische Taubstummeninstitut“ gegeben. Das Freisinger Institut habe zugleich als „Musteranstalt“ gedient, in der auch Taubstummenlehrer ausgebildet wurden. Als unterfränkische Pioniere dieser Pädagogik erwiesen sich die Taubstummenlehrer Thomas Schmitt und Kaspar Warmuth, die 1820 von ihrer Ausbildung in Freising in den Untermainkreis zurückgekehrt waren. Kaspar Warmuth unterrichtete in Aschaffenburg, Thomas Schmitt in Würzburg, wo er auch angehende Volksschullehrer befähigen sollte, in den damaligen Dorfschulen taubstumme Kinder zu unterrichten. Dazu wurde am Lehrerseminar in einem hiesigen Kloster eine Seminarklasse mit sechs taubstummen Kindern aus Würzburg und der damals noch selbstständigen Stadt Heidingsfeld eingerichtet.

„Und weil bekanntlich nichts so erfolgreich ist wie der Erfolg, kamen in den folgenden Jahren auch Buben und Mädchen aus weiter entfernten Orten, so dass rasch die Einrichtung einer Internatsschule notwendig wurde.“ Mit dem „Ebersberger Hof“ habe man dieses Anwesen gefunden und vor genau 175 Jahren eingeweiht, so Dotzel weiter. Relativ schnell sei nun die Zahl der „Zöglinge“ auf vierzig bis fünfzig Schülerinnen und Schüler gestiegen, so dass im Lauf der Zeit auch die Schule im „Ebersberger Hof“ zu klein wurde. Nun habe man in der Franz-Ludwig-Straße eine Taubstummenanstalt neu gebaut und 1886 bezogen. Das Gebäude, das sich heute im Besitz der Blindeninstitutsstiftung befindet, war für zehn bis zwölf Klassen und entsprechende Heimgruppen ausgelegt. Maximal konnten 120 Kinder unterrichtet und untergebracht werden. 1903 übernahm Direktor Karl Kroiß die Leitung der Schule, der 1932 von der Universität Würzburg für seine Verdienste mit der Ehrendoktorwürde der Medizinischen Fakultät geehrt wurde. Als die Schule in der Franz-Ludwig-Straße zu klein wurde, nahm man einen Neubau in der Zeppelinstraße in Angriff. 1908 war das Gebäude, in dem heute das Landratsamt untergebracht ist, bezugsfertig und trug nun den Namen „Königlich Bayerische Kreistaubstummenanstalt.“ Hier entwickelte Karl Kroiß einen neuen Lehrplan für Gehörlose durch das Kollegium des Würzburger Taubstummeninstituts.

Kroiß‘ Nachfolger, Ludwig Entres, „amtierte von 1927 bis 1950 und führte die Anstalt durch die schwierige Zeit der verbrecherischen Nazi-Diktatur und die furchtbaren Kriegs-Jahre“, wie Dotzel weiter ausführte. 1941 sei das Schul- und Heimgebäude samt Grundstück an das Reichsluftfahrtministerium verkauft worden. „Im Endeffekt handelte es sich dabei aber weniger um einen Verkauf als mehr um eine rücksichtslose Enteignung“, so Dotzel. Von 1941 bis 1943 blieben Heim und Schule geschlossen. 1943 bis 1945 wurde im Kloster St. Ludwig, in der Nähe von Schweinfurt, eine so genannte „Notschule“ eingerichtet. Schließlich musste aber auch dieses Provisorium geräumt werden, weil das Kloster-Gebäude zur Behandlung der Kriegsverwundeten gebraucht wurde. Erst am 2. Juni 1947 konnten Schule und Heim für rund hundert Schülerinnen und Schüler in Schloss Thüngen wiedereröffnet werden.

Erst 1951 sei die Schule von Thüngen zurück nach Würzburg gezogen, sagte Dotzel. Mit der 1953 verabschiedeten Bayerischen Bezirksordnung sei die so genannte „dritte kommunale Ebene“ für das Bildungswesen für Gehörlose und Blinde zuständig geworden. „Die Trägerschaft der Schule und des Heims ging vom Freistaat an den Bezirk Unterfranken.“ Im Lauf der Zeit sei man wieder einmal vor dem Problem gestanden, dass das Gebäude zu klein wurde, sagte Dotzel. Der Bezirk Unterfranken und die Taubstummeninstitutsstiftung kauften daher Mitte der 1970er Jahre zwei große, zusammenhängende Grundstücke auf dem Heuchelhof.

Der Bezirk habe unter anderem Planung und Bau eines neuen Schulgebäudes übernommen, die Stiftung, die Schulvorbereitende Einrichtung mit den integrierten Internatsgruppen und das große Internat. 1976 war der Bau abgeschlossen. Der Umzug erfolgte in mehreren Etappen. Und 1980 wurde die Einrichtung nach dem ersten Direktor in „Dr.-Karl-Kroiß-Schule für Gehörlose und Schwerhörige“ benannt. 1985 änderte auch die Taubstummeninstitutsstiftung ihren Namen in „Stiftung zur Förderung hörsprachgeschädigter Kinder und Jugendlicher“.

In den Jahren von 1986 bis 1989 sei die Dr.-Karl-Kroiß-Schule einmal mehr im Mittelpunkt der bundesweiten Forschung gestanden. Dietrich Axmann, seit 1980 Direktor der Schule, habe vom Bundessozialministerium einen Forschungsauftrag zur Erfassung und Beschreibung neurogener Lernstörungen beim Spracherwerb Hörgeschädigter erhalten. Diese Forschungsergebnisse führten zu einer Neukonzeption des Unterrichts. „Sprachlerngruppen“ ersetzten seither die bis dahin relevante Einteilung nach „gehörlos“ und „schwerhörig“. Die neuen Lehrpläne berücksichtigten individuelle Lernfähigkeiten der Kinder deutlich besser.

Zur gleichen Zeit sei der Mobile Sonderpädagogische Dienst aufgebaut worden, um hörgeschädigte Kinder und Jugendliche in ihren heimatnahen, allgemeinen Schulen beraten und begleiten zu können. 1994 habe Direktor Herbert Dössinger die Leitung der Dr.-Karl-Kroiß-Schule übernommen. „Er begann 1996 mit dem Aufbau des Cochlea Implantat Centrums Süd im Auftrag der Stiftung zur Förderung hör-sprachgeschädigter Kinder und Jugendlicher.“

Dotzel erinnerte abschließend an die bislang „letzte historische Zäsur“ vor vier Jahren, den Amtswechsel von Herbert Dössinger zu Barbara Schmid, die ihr komplettes Berufsleben an der Karl-Kroiß-Schule verbracht habe: „Bereits ihre zweite Lehramtsprüfung für das Lehramt an Sonderschulen legte Barbara Schmid hier ab!“ Die Dr.-Karl-Kroiß-Schule habe sich in ihrer langen Geschichte immer wieder gewandelt, sich den Zeitläuften angepasst, Standort und Erscheinungsbild verändert. „Ein Hort der Lehre, der Erziehung, der Pädagogik ist die Dr.-Karl-Kroiß-Schule immer geblieben“, resümierte der Bezirkstagspräsident.

Noch weiter in die Geschichte blickte Prof. Dr. Christian von Deuster in seiner Festrede zurück. In der Antike habe man nichts über die Beschaffenheit des Ohres gewusst, weswegen niemand den Zusammenhang zwischen taub und stumm erkannte. Noch im Mittelalter habe man eine „Lähmung des Zungennervens“ als Ursache dafür angenommen. Erst in der Renaissance begann in Paris der Gehörlosen-Unterricht, den sich allerdings die wenigsten leisten konnten. Eine wichtige Rolle in der Ohrenheilkunde habe die Universität Würzburg gespielt, so von Deuster weiter. Gehörlosen-Unterricht sei eine interdisziplinäre Aufgabe, so das Fazit.

Die Dr.-Karl-Kroiß-Schule habe „alle Phasen des Förderschulwesens erlebt und mitgeprägt“, lobte Regierungsvizepräsident Jochen Lange in seinem abschließenden Grußwort. Der Gehörlosen-Unterricht sei von einer stetigen Professionalisierung geprägt. Er dankte dem Lehrerkollegium und der Schulleitung für deren Arbeit, mit der sie Kindern mit Förderbedarf beim Hören „ein Leben in der Mitte der Gesellschaft ermöglichen“.

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