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Viele Nutzer und jede Menge Kompromisse (13. August 2020)

Bezirkstagspräsident Erwin Dotzel auf Sommertour mit der Fischereifachberatung

SommertourFisch

Wegen der Corona-Pandemie sorgfältig maskiert und auf Abstand bedacht (von links): Fischer-Präsident Willi Stein, Mareike Bodsch (Leiterin des Wasserstraßen-Neubauamts Aschaffenburg), Bezirkstagspräsident Erwin Dotzel, Fischereifachberater Dr. Wolfgang Silkenat und dessen Stellvertreter Michael Kolahsa bei der diesjährigen Sommertour auf dem Main bei Schweinfurt. (Foto: Mauritz)



Schweinfurt. (mm) Flüsse sind wie die Lebensadern einer Landschaft. Das macht sie zu etwas ganz Besonderem. Das setzt die heimischen Gewässer aber auch mächtig unter Druck. Kaum sonst wo stoßen die Vorstellungen der verschiedenen Natur-Nutzer heftiger aneinander als hier: Binnenschiffer und Berufsfischer, Badegäste und Sportbootfahrer, Angelfischer, Ornithologen, Naturschützer und neuerdings auch Stand-up-Paddler. Das verlangt natürlich von allen Beteiligten einschneidende Kompromisse. Über die Lage auf dem Main informierte sich Bezirkstagspräsident Erwin Dotzel am Donnerstag (13. August) auf seiner diesjährigen Sommertour mit der Fischereifachberatung.

Mit einem Schelch ging es von Untereuerheim in der Nähe von Grettstadt bis in die Schonunger Bucht und wieder zurück. Zeit genug, etliche neuralgische Punkte zu besichtigen, etwa den Umgang mit Uferlinien. So schätzen die Kapitäne der großen Frachtschiffe verständlicherweise schnurgerade Flussverläufe, die Fischer hingegen legen Wert auf Biegungen und leichte Vorsprünge im Uferbereich, weil diese Rückzugsgebiete für Fische oder Flusskrebse darstellen. Hinzu kommt, dass Hochwässer und mehr noch der Wellenschlag großer und kleiner Schiffe ständig an den Uferstellen nagen. Deswegen müssen sie befestigt werden.

Mareike Bodsch, als Leiterin des Wasserstraßen-Neubauamts Aschaffenburg für Ausbau und Gestaltung des unterfränkischen Mains zuständig, präsentierte der Exkursions-Truppe ein so genanntes Parallelwerk, ein lang gezogener Steinwall, der kaum über die Wasseroberfläche hinausragt, aber hoch genug ist, um die Wellen im Gefolge dicker Schiffe zu brechen. Das steile Ufer knapp dahinter kann daher unbebaut bleiben – für Flussschwalben ein Nistgelände wie aus dem ökologischen Bilderbuch.

Noch lockt das wellengeschützte Mini-Biotop auch Badegäste und sicherlich laichbereite Fische an. Aber Mareike Bodsch macht den Fischern an Bord keine Hoffnungen, dass dies lange so bleiben werde. „Wir haben hier einen terrestrischen Ausgleich geschaffen, keinen aquatischen“, betont die Bauingenieurin. Das heißt, das kleine Gewässer wird in den kommenden Jahren verlanden und sich dann wie selbstverständlich in die Natur einfügen. Ornithologen hätten eben andere Lebensräume im Sinn als Fischer, meint Bodsch.

Ein wahres Natur-Juwel führte Fischerpräsident Willi Stein an einer anderen, weiter flussabwärts gelegenen Stelle vor: ein romantisches Altwasser, von einer Hartholzaue umwachsen, an den Flusslauf angebunden, wie geschaffen für große und kleine Fische im Winter und ideal für die Entwicklung der Fischbrut. Aber eben so schön, dass auch die Skipper kleiner Motorboote daran Gefallen finden und die natürliche Bucht zum Ankern nutzen.

Am gegenüberliegenden Ufer haben Badegäste, die es bei sonnigem Wetter offenbar in Scharen hierherlockt, eine Treppe den steilen Hang hinunter bis zur Einstiegsstelle ins Wasser gegraben. „Fische können nicht um Hilfe rufen!“, kommentiert Willi Stein die Situation. Er fordert, solche Altwässer für Boote zu sperren und den Freizeitsport einzuschränken.

Frank Dittmar, einer der letzten aktiven Berufsfischer am Main, kann von den Folgen der vielen Belastungen des Flusses ein Lied singen: „Was wir früher innerhalb einer Stunde fangen konnten, für das brauchen wir heute eine Woche!“ Michael Kolahsa, der stellvertretende Leiter der Fischereifachberatung beim Bezirk Unterfranken, nennt als einen der Gründe dafür den Rückgang der Laichplätze. Es gebe eben immer weniger ruhige Stellen, Kiesbänke und Altwässer, in denen Fische heranwachsen könnten. Noch im 19. Jahrhundert habe der Main als artenreichstes Gewässer ganz Deutschlands gegolten. Mit dem technischen Ausbau zur Bundeswasserstraße habe die natürliche Vermehrung der Fische im Main allerdings deutlich nachgelassen.

„Abhilfe schaffen insbesondere die Fischerzünfte, die regelmäßig Fischbrut aufkauften und in die heimischen Gewässer einsetzen“, so Kolahsa. Eine ganz spezielle Hilfestellung lassen die unterfränkischen Fischer dabei den Aalen zukommen. Aale verbringen nämlich ihr Erwachsenenleben im Süßwasser und kehren zur Fortpflanzung ins Meer zurück. Dem stehen allerdings im Main jede Menge Staustufen entgegen. Deswegen fangen die Fischer die laichreifen Tiere und transportieren sie zum Rhein, von wo aus sich die Aale auf ihren Weg in die Saragossasee südlich der Bermuda-Inseln machen. So mühsam kann Naturschutz sein! Es ginge aber auch ganz einfach. "Wenn sich alle Natur-Nutzer ein wenig zurücknehmen, dann gewinnen alle, die Menschen und der Fluss!“, betont Michael Kolahsa.

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