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„Einander so nah und mitunter so fremd!“ (8. Mai 2014)


Vortragsabend zu den nicht immer einfachen deutsch-französischen Beziehungen


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Tiefe Einblicke in das Leben der Menschen westlich des Rheins gewährte Hans Herth, der mit seiner Ehefrau (ganz links) von der Seine an den Main gekommen war. Dr. Peter Motsch, Vorsitzender des Partnerschaftskomitees beim Bezirk Unterfranken (Zweiter von links) und die Leiterin des Partnerschaftsreferats, Alice Heller (rechts), begrüßten das Ehepaar im Bezirksgebäude. (Foto: Mauritz)
 

Würzburg. (mm) „Deutsche und Franzosen – einander so nah und mitunter so fremd!“ So lautete die Überschrift eines Vortrags, den Hans Herth auf Einladung des Bezirk Unterfranken und der Deutsch-Französischen Gesellschaft Würzburg am vergangenen Donnerstag (8. Mai) in Würzburg hielt. Mit den derzeitigen Versuchen des deutschen Siemens-Konzerns, seinen französischen Konkurrenten Alstom zu übernehmen, hatte das Thema allerdings nichts zu tun – zumindest nicht auf den ersten Blick. Wenngleich der 1942 in Deutschland geborene Soziologe, der seit seiner frühen Kindheit in Frankreich lebt, seit vielen Jahren als Wirtschaftsberater arbeitet.

Hans Herth, seit zwei Jahren zudem Präsident der „Fédération des Associations Franco-Allemandes“ (französische Vereinigung der Deutsch-Französischen Gesellschaften), blicke von beiden Seiten auf die deutsch-französische Nachbarschaft, er kenne den deutschen Michel ebenso gut wie die französische Marianne, betonte der Vorsitzende des Partnerschaftskomitees beim Bezirk Unterfranken, Dr. Peter Motsch, bei der Vorstellung des Referenten.

Der spannte dann den Bogen seiner bilateralen Betrachtungen vom frühen Mittelalter bis in die Gegenwart und streifte so ganz nebenbei auch die klimatischen und geografischen Gegebenheiten in den beiden Nachbar-Ländern. Dabei ließ Hans Herth von Anfang an keinen Zweifel daran, dass sein Bild von Frankreich und den Franzosen eher Karikatur als wissenschaftliche Analyse sein wolle. Viel Wahres verberge sich dennoch dahinter, sagte er.

Begonnen hatte die ungleiche Nachbarschaft mit Julius Caesar, für den zwar die Germanen nichts anderes als Belgier waren, „die auf der anderen Seite des Rheins“ lebten, aber der zwischen den mit den Römern Verbündeten und den so genannten Freien unterschied. Am östlichen Ufer des Flusses lebte es sich eben damals „frank und frei“. In diesem Sinne war der Regierungsstil der Merowinger und später auch Karls des Großen sehr römisch, nämlich imperial und mit stetem Blick auf das Reich! Dass Karl gegen die Sachsen Krieg führte, sah Herth als Beleg für diese frühmittelalterliche Orientierung an der Nation. Im Gegensatz zu Karl hätten die Sachsen ebenso wie die Germanen lokal gedacht, sie hätten sich in Dörfern organisiert und sich auf Thing-Plätzen beraten. Diesen Gegensatz zwischen lokaler Orientierung einerseits und imperialer Ordnung andererseits, wollte Hans Herth sogar im heutigen Wortschatz von Franzosen und Deutschen wiederfinden. So bedeute etwa das deutsche Wort Gesellschaft in seinem ursprünglichen Sinne „im gleichen Saal“, während sich die französische Entsprechung „société“ vom Lateinischen „sequor“, das heißt: „ich folge“, herleite.

Gesellschaftlicher Konsens einerseits und staatliche Ordnung andererseits, in diesem Gegensatzpaar sah Hans Herth zwei der bis heute gültigen Kategorien, die den Unterschied zwischen Franzosen und Deutschen ausmachen. Das Faible für den Zentralstaat führe unter anderem zum strengen französischen Schulsystem, zum Elite-Kult, zum Hang für Uniformen und sogar zur Neigung, Gärten und Parks nach geometrischen Kriterien zu gestalten.

Entgegen landläufiger Vorurteile billigte Hans Herth im Gegensatz dazu den Deutschen sogar ein gewisses Talent zum Aufbegehren gegen die Obrigkeit zu. Als Beweis verwies er auf die Bauernkriege in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, die als Revolution des einfachen Mannes lange vor der französischen Revolution von 1789 stattgefunden haben. Freilich erntete Hans Herth mit dieser Auffassung erstauntes Grummeln aus jenen Stuhlreihen, auf denen ein paar gebürtige Franzosen Platz genommen hatten.

Aber nicht nur das römische Erbe mache sich auf dem Umweg über den Zentralstaat bei „la grande nation“ bis heute bemerkbar. Die überwiegend flache Landschaft, die ertragreichen Böden, das im Gegensatz zu Deutschland milde Klima und nicht zuletzt die günstigen natürlichen Verkehrswege schufen die Basis für eine Wirtschaft, die auf Massenproduktion und schnelles Geschäft ausgerichtet sei, so Herth. Die Germanen mussten im Gegensatz dazu zusammenhalten und sich auf die qualitative Veredelung ihrer Erzeugnisse konzentrieren.

Für Hans Herth hat sich an daran bis heute nichts Grundlegendes geändert – oder wer würde einen Peugeot kaufen, wenn er für nur wenig mehr Geld einen Mercedes haben könnte? Abzuwarten bleibt, ob das die Alstom-Manager auch so sehen – oder ob sie sich statt mit Siemens von der anderen Seite des Rheins lieber mit General Electric von der anderen Seite des Atlantik verbandeln?
 

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