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Wie gut tun Großmutters Hausmittel der Seele? (17. Dezember 2014)


Psychiatrie-Symposium des Bezirk Unterfranken - Chancen und Grenzen weicher Methoden in der Psychiatrie


PsychiatrieSymposium2014

Erörterten die Wirksamkeit von Psychotherapie und pflanzlichen Heilmitteln (von links): Prof. Ernst Engelke, Prof. Dominikus Bönsch, Bezirkstagspräsident Erwin Dotzel, Prof. Hans-Peter Volz, Dr. Iris Kocher und Dr. Thomas Schmelter. (Foto: Mauritz)
 

Würzburg. (mm) Alternative Medizin und alternative Heilmethoden stehen heute bei vielen Menschen hoch im Kurs. Laut einer Emnid-Studie bevorzugen achtzig Prozent der Befragten natürliche Methoden, wie sie zum Teil Jahrtausende lang üblich waren, und neunzig Prozent sind mit deren Wirkungen sehr zufrieden. Mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert geriet viel von diesem alten Wissen in Vergessenheit. Ob zu Recht oder zu Unrecht war Gegenstand eines Psychiatrie-Symposiums beim Bezirk Unterfranken. Unter dem Titel „Chancen und Grenzen weicher Methoden in der Psychiatrie“ befassten sich am Mittwoch (17. Dezember) die Experten mit der Wirksamkeit von Psychotherapie und pflanzlichen Heilmitteln.

Gegen jedes Leiden sei ein Kraut gewachsen, zitierte Bezirkstagspräsident Erwin Dotzel in seiner Begrüßung ein bekanntes Bonmot. Naturvölker würden noch heute Pflanzen als Heilmittel verwenden, und auch in den Industriestaaten kämen die alten Hausmittel wieder zunehmend in Mode. Es sei wieder angesagt, sich so genannter „weicher“ Methoden zu bedienen, um Körper und Seele zu kräftigen oder vielleicht sogar zu heilen, sagte Dotzel.

Zum Beispiel mit Ginkgo-Biloba, Johanniskraut oder Lavendelöl. Prof. Dr. Hans-Peter Volz stellte diese drei Pflanzenarten vor, deren Extrakte die strengen Kriterien erfüllten, um als Psycho-Phytopharmaka zugelassen zu werden. So konnte etwa ein Präparat aus Johanniskraut-Extrakt bei einem sechs Wochen dauernden Versuch bei der Wirkung mit einem üblichen Antidepressivum mithalten. Der Ärztliche Direktor des Bezirkskrankenhauses Schloss Werneck zitierte aus der nationalen Versorgungsleitlinie: „Wenn bei leichten oder mittelgradigen Episoden eine Pharmakotherapie erwogen wird, kann bei Beachtung der speziellen Nebenwirkungen und Interaktionen ein erster Therapieversuch auch mit Johanniskraut unternommen werden.“ Volz nannte diese Empfehlung einen „Ritterschlag“.

Bei der Behandlung von Angststörungen erwies sich ein Extrakt aus Lavendelöl ähnlich erfolgreich. Nach einer zehnwöchigen Anwendung zeigte sich das Lavendelöl der synthetischen Medizin sogar überlegen. Und bei der Behandlung von Demenz stellen Präparate aus Ginkgo-Biloba-Extrakten eine Alternative dar. „Psycho-Phytopharmaka sind wirksam, meist sind sie auch besser verträglich als synthetische Arzneimittel“, so das Fazit des Experten.

Mit der Frage, inwieweit sich das Erleben und Verhalten durch Psychotherapie verändern lasse, setzte sich Prof. Dr. Dominikus Bönsch auseinander. Obwohl diese Methode häufig eingesetzt werde, lägen nur wenige Untersuchungen zur Wirksamkeit der Psychotherapie vor, wie der Chefarzt und Ärztliche Direktor des Bezirkskrankenhauses Lohr am Main gleich zu Beginn einschränkte. Das „A und O“ sei wohl die Beziehung zwischen dem Therapeuten und dem Patienten. Wichtig seien ferner Eigenschaften, die der Patient mitbringe – etwa Motivationsbereitschaft – oder therapeutische Techniken wie intensives Erzählen oder Rollenspiele. Von Bedeutung sei zudem, dem Patienten ein Bewusstsein über die Ursprünge und Hintergründe seines Problems sowie positive Bewältigungserfahrungen zu vermitteln. Keinen Zweifel ließ Bönsch daran, dass ein Zusammenhang zwischen Erbgut und Umwelt bestehe – wenngleich auch hier in der Wissenschaft das letzte Wort noch nicht gesprochen sei.

„Das Besondere an Traumatherapie“ erläuterte Dr. Iris Kocher vom BKH Lohr an einigen Beispielen aus ihrer Praxis. Die Behandlung von Traumata gliederte sie in drei Phasen: die Stabilisierung und Symptomreduktion, die Behandlung der traumatischen Erinnerung sowie schließlich die Integration und Rehabilitation, bei der es um Fragen nach dem Sinn des Lebens gehe, um eine eventuelle religiös-spirituelle Neuorientierung oder bestimmte Trauerrituale. Resümierend nannte Kocher die Traumatherapie „eine Herausforderung für Patienten und Behandler“ und eine „Gratwanderung zwischen Stabilisierung / Entlastung einerseits und konfrontativer Verarbeitung des Traumas andererseits“. Ohne Behandlung neige diese Erkrankung zu Chronifizierung und Invalidisierung mit Verlust von Familie, sozialer Isolation, Verlust des Arbeitsplatzes, betonte Kocher.

Dr. Thomas Schmelter vom Bezirkskrankenhaus Schloss Werneck referierte „Über die Geschwister Psychiatrie und Psychosomatik“ und veranschaulichte den Zusammenhang zwischen Körper und Seele am Beispiel Herzinfarkt und Depression. Zudem stellte Schmelter die neue Klinik für Psychosomatik in Schweinfurt dar, mit der „die Lücke zwischen Somatik und Psychiatrie/Psychotherapie“ verkleinert werde. Mit diesem Gemeinschaftsprojekt kämen das Leopoldina-Krankenhaus und das Psychiatrische Krankenhaus Werneck einem wichtigen Teil ihres Versorgungsauftrags nach, betonte Schmelter.
 

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