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„Jahrzehntelange, hingebungsvolle Erzieherarbeit“ (12. September 2019)

Das BKH Lohr erinnert mit zwei Gedenktafeln an das Leben und Wirken von Simon Strauß

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Zu einem bewegenden Augenblick wurde die Enthüllung der Gedenktafeln an Simon Strauß (von links): seine Enkelkinder Raaya Nadel, Arye Strauß und Sara Nahum sowie Bezirkstagspräsident Erwin Dotzel und Bürgermeister Dr. Mario Paul. (Foto: Mauritz)

Lohr am Main. (mm) „In jahrzehntelanger, hingebungsvoller Erzieherarbeit hat Simon Strauß sich nicht nur einen großen Kreis dankbarer Schüler geschaffen, er hat sich auch in den Gemeinden, in denen er wirkte, große Verehrung und Wertschätzung erworben.“ Diese 1937 in der Zeitschrift „Der Israelit“ erschienene Laudatio zum 70. Geburtstag des letzten Vorsitzenden der Israelitischen Kultusgemeinde in Lohr zitierte Bezirkstagspräsident Erwin Dotzel in seiner Ansprache zur Enthüllung zweier Gedenktafeln an Simon Strauß. Der erfahrene Pädagoge kümmerte sich in der Zeit von 1924 bis 1939 um die religiöse Betreuung der jüdischen Patienten in der damaligen „Heil- und Pflegeanstalt“, dem heutigen Bezirkskrankenhaus.

Zu den aufmerksamen Zuhörern der Feierstunde im Festsaal auf dem Sommerberg gehörten auch die drei Strauß- Enkel Arye Strauß, Raaya Nadel und Sara Nahum sowie die beiden Urenkel David Strauß und Michal Ungar, die eigens aus Israel angereist waren. Er habe in den wenigen Tagen viel gelernt über seinen Großvater, betonte Arye Strauß sichtlich gerührt. An der Wand im Hintergrund war während des Festaktes eine Fotografie von Simon Strauß zu sehen, ein freundlich lächelnder, älterer Herr mit runder Nickelbrille und angegrautem Bart. Das Gesicht strahle Güte aus und Verständnis und einen hellwachen Verstand, sagte Dotzel in seiner Rede: „Wie niederträchtig und widerwärtig mussten diese Nazi-Schläger sein, die sich zusammenrotteten, um Menschen wie Simon Strauß zu quälen und zu ermorden!“

Simon Strauß hatte bis 1939 im so genannten Israelitischen Pavillon, dem heutigen Haus Nr. 43, auf dem Klinikgelände gewohnt. Im Erdgeschoss des Hauses befand sich zudem die koschere Küche, die Simon Strauß gemeinsam mit seiner Frau Sara für die jüdischen Patienten organisierte. Erbaut und finanziert wurde der Israelitische Pavillon vom „Fürsorgeverein für israelitische Nerven- und Geisteskranke“ mit Sitz in Aschaffenburg. 1938 wurde die jüdische Abteilung der Klinik von SA-Schlägern heimgesucht. Anfang 1939 wurde Simon Strauß von den Nazis aus Lohr vertrieben. Er starb im darauffolgenden Jahr in der Nähe von Frankfurt.

Die beiden Gedenktafeln auf dem Bezirkskrankenhaus sind Teil einer größeren Aktion, mit der im ganzen Stadtgebiet an das jüdische Leben in Lohr erinnert werden soll. Bürgermeister Dr. Mario Paul zitierte in diesem Zusammenhang Bert Brecht: „Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt.“ An Simon Strauß denke er nicht nur als ein Opfer des Nazi-Terrors, sondern auch als einen Mann, der sich für seine Mitmenschen eingesetzt habe. „So wollen wir ihn in Erinnerung behalten!“, sagte Paul. Die Geschichte lasse sich nicht ändern, aber man könne daraus lernen, betonte das Stadtoberhaupt.

In einer sehr emotional gehaltenen Ansprache erinnerte Dr. Wolfgang Vorwerk, der als Vorsitzender des Geschichts- und Museumsvereins das Konzept dieser Erinnerungskultur für Lohr entwickelt hatte, an das Leben und Wirken von Simon Strauß. Das Ehepaar kam nach einem schweren Schicksalsschlag (1918 war ihre älteste Tochter gestorben) 1924 im Auftrag des Fürsorgevereins für israelitische Nerven- und Geisteskranke nach Lohr. 1928 wählte ihn die Israelitische Kultusgemeinde zudem zu ihrem Vorsitzenden. „Niemand konnte ahnen, dass jener Simon Strauß sie bis zu ihrem bitteren Ende begleiten würde“, sagte Vorwerk.

Anfang der 1930er Jahre emigrierten die Strauß-Kinder Walter, Robert und Friedel in das damalige Palästina. 1936 besuchte sie das Ehepaar dort, aber nach drei Monaten kehrten Sara und Simon zurück nach Lohr zu den ihnen anvertrauten Menschen. „Aber die Zeit war angezählt“, so Vorwerk in seinem Vortrag. Sara starb in einem Würzburger Krankenhaus, das jüngste Strauß-Kind floh buchstäblich im letzten Augenblick 1938 nach Amerika. Im selben Jahr wurde die koschere Küche geschlossen und im darauffolgenden der Israelitische Pavillon „arisiert“, wie die Nazis diese perfide Form der staatlichen Enteignung nannten. Simon Strauß starb im April 1940 in einem Krankenhaus in der Nähe von Frankfurt.

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